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3.)Alptraum

Eine Ohrfeige riss mich aus meiner Ohnmacht. „Ami, Ami! Aufwachen!.“ Ami? Aja, das war ich. Mir tat schon wieder alles weh, aber ich hob meinen Kopf. Da ich kurzzeitig vergessen hatte, wo ich war, war ich ziemlich verwirrt, als ich Herr Books vor mir sah. Endlich fiel mir wieder ein, was soeben passiert war. Meine Erinnerung an die letzten zehn Minuten kehrte so rasch zurück, dass ich von meinem Stuhl fiel. Direkt auf den harten Boden. Als hätte mein Körper heute nicht schon genug durchgemacht. Vorsichtshalber rutschte ich von dem Feuerteufel neben mir noch ein Stück weg. Man kann ja nie wissen. „Du brauchst keine Angst zu haben“, flüsterte mir Fabian zu. „Ich werde dir nichts tun.“ Aha. Ich habe gerade gesehen, wie Feuer, richtig heißes Feuer, aus seinem Arm kam, aber ich brauch keine Angst haben? Meine Zweifel daran, dass das alles nur Spinner sind, haben sich zwar gelegt, aber meine Angst blieb. Fabian nahm meine Hand, die ich noch am Boden liegen hatte und so verging auch diese Angst. Mit brüchiger Stimme sagte ich: „Und… sie glauben ich kann das auch?“. Herr Books beugte sich über den Tisch, lächelte mich an und sagte: „Ich denke du kannst was anderes, das nicht weniger beeindruckend ist, aber möchtest du dich nicht wieder auf deinen Sessel setzen?“ Gesagt, getan. Ich versuchte meine Augen so groß wie möglich zu machen um alles zu überwachen. Der Schock lag mir noch immer in den Knochen. „Und was denken Sie, kann ich so?“ „Das kann ich dir noch nicht sagen, aber du wirst es herausfinden, keine Angst!“ Der aufdringliche Gedanke, dass das alles ein Fehler war, ich gar nichts konnte und mich total blamieren werde, schlich sich in meinen Kopf. Komisch, vor ein paar Minuten hätte ich sie noch als Spinner abgestempelt und jetzt möchte ich nur dazu gehören. Das liegt vielleicht an Fabians warmer Hand. Sein Daumen streichelte beruhigend meinen Handrücken und so hatte ich die Kraft nicht gleich meinen Fluchtwillen nachzugeben. Herr Books war wirklich ein netter Mann und er lächelte viel. Das Lächeln sah echt aus, denn in seinen Augen konnte man die Freude über eine neue Schülerin sehen. „Wie wäre es, wenn dir Fabian dein Zimmer zeigen würde und du dich ein wenig ausruhen würdest. Das war heute sicher ein aufregender Tag für dich.“ Langsam stand ich auf und bewegte mich zur Tür. Kurz bevor ich verschwunden war, sah ich noch mal zu Herr Books und fragte: „Sie wissen also auch nicht, wer ich bin?“ „Nein, leider. Aber glaub mir, du wirst es noch herausfinden.“ Uuuund weg. Fabians Hand noch immer haltend schlenderten wir über den immer dunkler werdenden Schulcampus. Mein Gehirn versuchte gerade, alles Unnormale auszuschalten und nur noch das typische zu erfassen. Da sprang mir ein Basketballfeld ins Auge. „Können wir spielen?“, fragte ich Fabian. Ich wusste selbst nicht genau, warum ich jetzt auf die Idee kam ein Ballspiel zu spielen. Ballspiele kamen mir nur so normal vor. Fabian war zwar ziemlich irritiert, willigte dann aber ein und ging um einen Ball zu holen. Die Kleider, die ich bekommen hatte, waren zwar nicht dafür gemacht Sport zu treiben, aber es würde schon gehen. Als Fabian wieder kam warnte er mich gleich vor: „Pass auf, ich bin ziemlich gut.“ Sein Grinsen zeugte von Selbstsicherheit. „Pass DU auf, ich hab keine Ahnung, ob ich gut bin“, sagte ich und grinste nur umso breiter. Er warf mit den Ball zu und stellte sich vor mich. Ich war genau gegenüber vom Korb dribbelte zwei Mal und warf genau in den Korb. Beide machten wir große Augen. Fabian schien sich als erster zu fassen und meinte: „Das schaffst du nicht noch mal.“ Da lag er falsch, eine Stunde später stand es 35:0 für mich und Fabian sah schon ziemlich müde aus. Das Spiel wurde immer brutaler. Ich dribbelte, kämpfte und sprintete. Irgendwann nahm er mich von hinten und versuchte mir den Ball aus der Hand zu schlagen. Ich musste furchtbar lachen und ließ ihn schließlich los. Wir fielen beide nach vorne. Er auf mich drauf und ich auf den Bauch. Es tat nicht weh, aber steigerte meinen Lachanfall nur noch. Fabian grabbelte von mir runter und legte sich neben mich. Beide lagen wir am Rücken und sahen in den Sternenhimmel. Wir waren völlig verschwitzt, dreckig und lachten. „Ok, du hast gewonnen“, gab er schließlich zu. Da hörte ich Applaus. Anscheinend hatte sich schon Publikum angesammelt, denn geschätzte 15 Leute standen um uns und applaudierten mir. Ich stand auf und verbeugte mich. Jenny war auch dabei, sie kam auf mich zu und setzte sich neben Fabian auf den Platz, ich tat es ihr gleich. „Das war unglaublich, Ami! Spielst du in einen Verein?“, fragte sie mich. „Könnte sein, ich weiß es nicht“, gab ich zu. Plötzlich versteinerte ihr Grinsen und sie sagte kleinlaut: „Oh, hatte ich total vergessen, tut mir leid.“ „Ach, kein Problem“ Sie sollte sich nicht schuldig fühlen. Ich fand es schön, dass man mein Auftauchen vergaß und mich als ein normales Mädchen betrachtete. Naja, nicht ganz. „Du hast den Captain unsere Schul-Basketball -Mannschaft besiegt. Irgendwo musst du schon mal gespielt haben!“ – Damit erschreckte sie mich. Aber Fabian nahm das alles nicht so locker: „Ach was, ich hatte mich nur zurückgenommen.“, sagte er und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Ich ließ ihn und alle anderen in dem Glauben. Es musste ja keiner wissen, dass er sehr wohl sein Bestes gegeben hatte. Wir spazierten zu dritt zu meinem Zimmer. Ich musste mich unbedingt duschen, meine Kleider klebten an mir. Ich wusste leider noch nicht, wo ich neue Kleider herbekommen sollte, geschweige denn etwas zum Schlafen. Jenny sah meinen traurigen Gesichtsausdruck und fragte mich, was los ist. Sie war sehr aufmerksam und nett, darum erklärte ich ihr mein Problem: „Naja, ich hab keine Klamotten. Auch nichts zum Schlafen.“ „Ach! Das ist kein Problem. Ich habe von meiner Oma einen Pyjama bekommen, der mir viel zu groß ist. Dir müsste er aber passen. Du kannst ihn haben, auch wenn er ein bisschen peinlich ist. Sind Enten drauf, ich hoffe das stört dich nicht.“ Ihr Gesicht verzog sich ein wenig und sie sah mich von der Seite an. „Nein, das ist total nett! Und ich mag Enten!“ Eigentlich waren mir Enten egal, ich wollte nur nicht, dass sie sich nach ihren Angebot schlecht fühlte. Die Mädchenzimmer und die Jungs Zimmer wurden nur durch eine weiße Linie in der Mitte des Hauses getrennt. Jenny meinte, die Schulleitung traut uns zu, dass wir keinen Blödsinn anstellen. Nett. Mein Zimmer war zwar nicht groß, aber es war mein eigenes Zimmer. Ich hatte keine Mitbewohnerinnen. Und sogar ein eigenes Badezimmer war da. Sie legten wohl Wert auf Privatsphäre, was ich sehr zu schätzen wusste. Ich legte mein zerrissenes Kleid auf das Bett, das außer einem Kasten, einem Schreibtisch und einem Nachttisch das einzige Möbelstück war und folgte dann Jenny in ihr Zimmer. Fabian trottete uns hinter her. Jennys Zimmer sah toll aus. Es war ein richtiges Mädchen-Zimmer. Alles Rosa und glitzernd. Sie griff in Ihren Kasten, nahm eine große blaue Pyjamahose mit gelben Entchen und ein schwarzes Trägertop. „Das müsste passen“, sagte sie. „Du siehst ja, blau ist nicht unbedingt meine Farbe, also kannst du sie behalten.“ Sie gefiel mir wirklich, sie war bunt und war mein erstes eigenes Kleidungsstück. Naja, außer das was ich an hatte und ich hatte keine Ahnung, wem das gehört hat. Sie nahm außerdem ein hübsches grünes Sommerkleid und Unterwäsche, die sie unter dem Kleid versteckt hatte. Sie sah Fabian an und sagte: „Fabian, kannst du bitte kurz rausgehen.“ Er murrte irgendwas mit „Frauen“, aber verließ dann das Zimmer. Sie sah mich an und sagte: „Naja, die Unterhose müsste dir passen, aber bei meinen BHs weiß ichs wirklich nicht. Ich glaube deine Brüste sind größer.“ Ich besah mir meinen Vorbau genauer. „Stimmt, vielleicht ein bisschen.“ Da hatte sie einen Einfall. Sie zog einen SportBH aus einer Kommode und überreichte ihn mir stolz. „Der ist dehnbar!“ Ich grinste sie an und bedankte mich. Sie war so nett zu mir. „Uh, Waschzeug brauchst du auch noch. Und andere Schuhe! Zu dem Kleid kannst du nicht solche Sportschuhe tragen.“ Sie ging in ihr Badezimmer und suchte alles zusammen. Sie hatte vieles doppelt. „Ich bin so froh, dass ich mir Dinge immer auf Vorrat kaufe.“ Mir war es peinlich, dass sie mir so viel schenken wollte, aber ich konnte auch nicht nein sagen. Wie sollte ich mir dann die Zähne putzen? In ihren Schrank am Boden standen viele Schuhe in allen Formen. Sie suchte lange und war froh darüber, dass wir die gleiche Schuhgröße hatten. Leider war ich anscheinend überhaupt kein Mensch für hohe offene Schuhe, darum nahm sie irgendwann ein ausgelatschtes Paar schwarzer Converse und sagte stolz: „Aber das!“ Ja, die gefielen mir. Auch die durfte ich behalten, sie mochte sie nicht mehr. Als ich fertig war, hatte ich eine Tüte mit Waschsachen und Klamotten für morgen. Und so schickte sie mich wieder in mein eigenes Zimmer. Vor meiner Zimmertüre verabschiedete ich mich von Fabian. Es war uns ziemlich peinlich und wir wussten nicht, wie wir uns nach so einer langen Zeit verabschieden sollten, darum gab ich ihn einen Kuss auf die Wange und hauchte: „Danke“. Er freut e sich sichtlich darüber und schlenderte davon. Davor sagte er mir noch, wo ich ihn finden könnte. Er hatte ein Zimmer im Erdgeschoss auf der anderen Seite des Gebäudes. Nach einer ausgiebigen Dusche besah ich mich im Spiegel. Ich hatte große Augen und was mich überraschte: Eines war grün und eines blau. Ziemlich auffällig. Meine Haut war rein, das war mal was Gutes. Und ich hatte lange rötliche lockige Haare. Ich wusste zwar nicht wie groß ich genau bin, aber ich schätzte so um die 170. Einen Kopf größer als Jenny. Die Hose passte mir wie angegossen, aber das T-Shirt war ein wenig zu kurz. Es ließ einen Streifen Haut frei, aber das machte mir nichts aus. Mein Bauch war muskulös und flach. Ich kuschelte mich unter meine Bettdecke und besah mir die Zimmerdecke. Es war frustrierend, dass ich nicht wusste wer ich bin und so sehr auf andere angewiesen war. Aber zumindest hatte ich schon am ersten Tag Freunde gefunden. Mit einen Grinsen im Gesicht schlief ich ein. Es blieb aber leider nicht beim Grinsen. Mein Traum war furchtbar: Ich stand in der Mitte eines Schlachtfeldes. Überall war Blut, es stank und die Menschen schrien. Ich hatte in jeder Hand ein blutiges Katana, woher ich den Namen wusste, keine Ahnung. Aber es waren lange Schwerter, die genau in meine Hand passten. Die Leute schrien meinen Namen, aber ich konnte mich nicht bewegen. Es war ein schockierendes Bild. Völlig schweißgebadet wachte ich auf. Was hatte ich da eben geträumt? War das ein Teil meiner Vergangenheit? So echt es auch aussah, wollte ich es einfach nicht glauben. So konnte ich nicht mehr schlafen, jeder Schatten im Zimmer machte mir furchtbar Angst. Ich wusste nicht genau, was ich jetzt machen sollte, aber ehe ich mich versah, war ich nur in meinen Pyjama bekleidet auf dem Gang. Ich lief vor die Türe und atmete die frische Luft ein. Es müsste sehr kalt sein, aber mir machte es nichts aus. Ich lief um den Wohnkomplex herum. Plötzlich wusste ich, wo ich hinwollte. Und ich hatte Glück, ich fand das Zimmer von Fabian und sein Fenster war offen. Ich drückte das Fenster ganz auf und mit meinen langen Beinen schwang ich mich in sein Zimmer. Ich konnte nicht viel sehen, weil es stockdunkel war, aber ich fand ihn schließlich eingerollt in seinem Bett. Ich wollte ihn zwar nicht schon wieder wach halten, da er ja die letzten drei Tage in meinem Zimmer verbracht hatte, aber ich war so schrecklich ängstlich. Darum rüttelte ich ihn leicht und wartete bis er die Augen öffnete. „Ami? Was machst du denn hier?“, fragte er mich, mit einer süßen verschlafenen Stimme und rieb sich seine Augen. Auf seinen Wecker stand in großen roten Ziffern: 02:34. „Ich hatte einen schrecklichen Alptraum, Fabian“, antwortete ich und merkte erst jetzt, dass mir warme Tränen die Wange runterliefen. Er rutschte auf die Seite und fragte: „Magst du bei mir schlafen?“ Ich nahm dankend an und legte mich zu ihm ins Bett. Das Bett war sehr warm und in seiner Gegenwart wurde ich sofort wieder müde. Wir sahen uns lange an und dann fragte er: „Möchtest du mir von deinem Traum erzählen? Meine Mutter sagt immer, wenn man Träume ausspricht, werden sie nicht wahr.“ Aber nein, ich wollte nicht darüber reden. Es machte mir zu sehr Angst. Darum lagen wir nur da und warteten, bis uns beide der Schlaf wieder übermannte. Es war schön, jemanden zu haben, zu dem man gehen konnte. Im Halbschlaf bemerkte ich, dass Fabian wieder meine Hand nahm. Jetzt war alles gut.

16.9.14 17:17, kommentieren

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