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1.) Amicus certus in re incerta cernitur.

Ich kämpfte mit der Dunkelheit, schon eine Weile. Sie legte sich wie ein Schleier um mich und versuchte mich mit ihrer Macht zu erdrücken. Der Drang, sie zu bekämpfen hielt an, aber woher dieser Drang kam, wusste ich nicht. Jedes Mal, wenn mich dir Dunkelheit aufs Neue besiegte, schwebte ich in einer Welt voller dumpfem Vergessen. Das Brennen in meinen Gliedmaßen ließ nach und ich konnte wieder nichts fühlen. Obwohl ich wusste, dass es nicht gut war, wenn ich nichts fühlte, war es für mich eine Erlösung. Irgendwann ließ mich die allumfassende Dunkelheit aus ihren Krallen und ich durfte auftauchen. Das Licht tat furchtbar weh. Ich konnte nur blinzeln. All meine Körperteile fühlten sich Wund und aufgeschürft an. Mein Rachen war ausgetrocknet und mir war furchtbar kalt. Nur meine Hand war warm, sie fühlte sich beschützt an. Warum durften die anderen Körperteil nicht von diesen Schutz etwas abhaben, sie hätten es auch gebraucht. Endlich konnte ich meine Augenlider heben und sah in das helle Licht einer Lampe. Ich wollte meinen Kopf anheben, um herauszufinden, wo ich bin, aber irgendwer hielt meine Hand. Es tat schrecklich weh meinen Kopf in die Richtung zu drehen, aber als ich es endlich geschafft hatte, sah ich einen Jungen. Er schlief, mit dem Kopf auf den Armen und das alles auf meinem Bett. Meine Hand hielt er vorbildlich für einen Schraubstock. Ich wusste nicht wer er war, aber ich wollte ihn berühren. Also nahm ich meinen anderen Arm, der nicht mehr so weh tat und strich ihn die Haare aus dem Gesicht. Dann fuhr ich ihn über die Wange. Langsam begann er aufzuwachen, also zog ich meine Hand wieder weg. Er hob seinen Kopf und sah mir in die Augen. „Du bist ja wach!“ Mein Hals schmerzte furchtbar, aber ich schaffte es zu erwidern: „Ist mir auch schon aufgefallen.“ Er grinste, ein so wundervolles Grinsen, dass ich noch nie vorher gesehen hatte. Moment mal. Mir fällt gerade auf, dass ich das nicht wissen konnte, ich wusste nämlich gar nichts. Mit gar nichts meine ich, dass ich mich an nichts vor diesem Erwachen erinnern konnte. Nicht mal an meinen Namen. Er sah meinen verwirrten Gesichtsausdruck und dachte anscheinend es liegt an unseren Händen, die er immer noch fest umklammert hielt, also ließ er sie los. Das war das letzte, was ich wollte. Die Wärme, die er mir mit seiner Hand geschenkt hatte, hielt mich davon ab, zu frieren. Innerlich, nicht äußerlich. „Bitte nicht loslassen“, krächzte ich und war überglücklich, als er wieder den Ausgangspunkt herstellte. „Kann ich Wasser haben?“, mein Hals schmerzte so furchtbar, ich dachte meine Stimmbänder würden reißen, müsste ich noch ein Wort herausquetschen, aber gleichzeitig wollte ich nicht, dass er aufsteht, meine Hand loslässt und ein Glas Wasser holt. Ich hatte Glück, er musste sich nur zu meinen Nachttisch beugen, weil dafür schon vorgesorgt war. „Wo bin ich?“, fragte ich mit einer etwas weniger kratzigen Stimme. Das Glas Wasser hatte ich unter Schmerzen auf einem Zug ausgetrunken. „Du bist in der Krankenstation unserer Schule“, antwortete er. Seine Stimme klang so wunderschön, ich wollte einfach nicht, dass er aufhörte zu reden. „Gehe ich hier auch zur Schule?“ „Weißt du nicht, wo du zur Schule gehst?“, fragte er, völlig verwirrt. „Nein, ehrlich gesagt, weiß ich weder wer du bist, wo ich bin und auch nicht wer ich bin.“ Ich konnte sein verdutztes Gesicht nur kurz genießen, da kam schon die Krankenschwester und bemerkte, dass ich wach war. Der Junge, dessen Name ich noch nicht einmal kannte, erklärte der Schwester, dass ich keine Erinnerung hatte. Toll, sie meinte, sowas kann schon mal vorkommen, nach einem schweren Sturz auf den Kopf. Ich bin also auf den Kopf gefallen. Ich würde jetzt gerne sagen, dass das typisch für mich ist, aber ich habe ja keine Ahnung, was typisch für mich ist. Ich sollte mich ausruhen, dann würde die Erinnerung von alleine kommen. „Wer bist du?“, fragte ich, nachdem die Krankenschwester uns wieder alleine ließ. „Ich heiße Fabian“, Fabian. Faaaaaaabian. Fabiahn. Schöner Name. „Kenne ich dich?“, fragte ich, nachdem ich seinen Namen im Kopf verunstaltet hatte. „Nein, wir kennen uns nicht“. Huch, warum ist er denn so wortkarg? Er soll reden! „Wie wäre es, wenn du mir erzählen würdest, wie ich hier hergekommen bin? Das würde die Situation um einiges erleichtern.“ Er lachte, aber begann dann endlich zu erzählen. Wenn ich vorher gewusst hätte, wie meine ganz persönliche Geschichte ausgesehen hatte, hätte ich vielleicht niemals nachgefragt. Aber was rede ich da? Wenn ich es vorher gewusst hätte, hätte ich gar nicht nachfragen müssen, weil ich es ja schon gewusst hätte! „Ich und meine Klasse wa…“ „Du meinst, meine Klasse und ich“, unterbrach ich ihn. Er sah mich verwirrt an, lächelte aber dann und entschuldigte sich. Ich wusste selbst nicht genau, warum ich ihn unterbrochen hatte, nachdem ich unbedingt wollte, dass er mir alles erzählt. „Also, meine Klasse und ich (bei diesen Abschnitt lächelte er übrigens herzerweichend niedlich) waren am Sportplatz unserer Schule, in der du ja gerade liegst. Ein Mädchen, Jenny heißt sie übrigens, fing plötzlich an zu schreien und zeigte auf den Wald. Da kamst du gerade an gestolpert. Du hattest ein weißes Kleid an, das völlig zerrissen war und überall am Körper warst du rot, von deinem Blut. Du hast dich nicht mehr lange auf den Beinen gehalten und bist dann vor unseren Augen zusammengebrochen. Ich bin zu dir gelaufen, so schnell ich konnte und als ich ankam, nahm ich deine Hand. Das letzte, was du gesagt hattest, war, ich sollte deine Hand nicht loslassen. Naja, seit dem sitze ich hier und lasse deine Hand nur los, wenn ich auf die Toilette muss.“ „Wow“, ja… irgendwie war das das Einzige, was mir einfiel. Ich wusste, dass ich Fragen stellen sollte, aber mein Kopf war leer. Leerer ging‘s gar nicht. Irgendwann hatte ich meinen Schock überwunden und fragte: „Wie lange ist das her?“ „Das war vor drei Tagen.“ DAS war vielleicht noch schockierender. „WAS? Du bist drei Tage an meinem Bett gesessen? Ich meine, ich freue mich ja, aber… du musst furchtbar müde sein!“ Kurz sah ich stolz in seinen Augen aufblitzen, dann erwiderte er: „So schlimm ist es nicht“ und nahm mir damit nicht unbedingt meine Schuldgefühle. Ha! Endlich hatte ich eine Frage. „Hatte ich etwas dabei? Einen Ausweis, oder so?“ „Nein, du hattest gar nichts dabei. Naja, außer der Kette, die du trägst und dein Kleid. Ja und Unterwäsche, aber sonst nichts. Nicht mal Schuhe.“ Anscheinend fiel ihm zu spät ein, dass er über meine Unterwäsche gesprochen hatte, denn ich konnte seine Wangen beobachten, die sich langsam rot färbten. „Du hast also zugeschaut, als ich ausgezogen wurde“, stellte ich ihn die Frage, die er sicher nicht hören wollte. „Äh, ich sollte doch deine Hand nicht loslassen“, erwiderte er mit einem leichten Lächeln. Stimmt, das hatte ich anscheinend gesagt. Er hätte aber auch wegschauen können. Es wäre mir jetzt peinlich, wenn ich gewusst hätte, wie meine Unterwäsche aussah. Also besah ich mir das einzige Stück, das mir von meinem Leben geblieben war. Meine Kette. Es war eine schöne, filigran gearbeitete Goldkette. Der Anhänger war ein Schmetterling und auf der Rückseite war ein Spruch eingraviert. Amicus certus in re incerta cernitur. Hm. Was das bloß heißt? „Weißt du was das heißt?“, fragte ich ihn. Er kam ganz nah an mich ran und ich sog seinen wunderbaren Duft ein. Er roch nach neuen Büchern und Wald. Eine wunderbare Mischung. Aber er schüttelte nur den Kopf, er wusste es selbst nicht. Schade. „Klingt aber schön“, sagte er. Wahrscheinlich nur wegen meinem enttäuschten Gesicht. „Und wie soll ich jetzt herausfinden, wie ich heiße und wer ich bin?“ Ich war so schrecklich verwirrt und… enttäuscht. „Naja, die Schwester sagt, du wirst es schon irgendwann herausfinden. Bis dahin nennen wir dich einfach Ami, das klingt schön.“ Er lächelte so ein unglaublich bezauberndes Lächeln, dass ich auch nicht nein sagen könnte, wenn ich es gewollt hätte. Also hieß ich eben Ami. Ami, wie Freund. Französisch kann ich nicht leiden, flüsterte mir mein Hinterstübchen zu. In Mangel sonstiger Gesprächsthemen, plauderte ich einfach aus, was ich gerade über mich herausgefunden hatte. „Französisch kann ich nicht leiden!“ Er lachte und antwortete „Ich auch nicht.“

16.9.14 01:12

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